Vier Uhr morgens. Ich sitze unter dem Schein der roten Glühbirne in meinem Bungalow und habe Tötungsphantasien. Als Vegetarierin will ich jegliches Leben ehren, wirklich wahr, aber diesem verfluchten Chicken mit seinem Dauerhusten würde ich gern den Hals umdrehen. Pünktlich um 03.30 Uhr reißt mich sein nervtötendes Gackern aus dem Schlaf. Es ist schon kein Gackern mehr, es ist ein Krächzen. Ein Huhn mit Mukoviszidose im Endstadium.
Wenn nun dieses kranke Tier erst mal anfängt, ist es vorbei mit der Ruhe. Schließlich weckt es damit auch die schlafenden Hunde, im wahrsten Sinne, die Raben in den Bäumen, sämtliche Geckos, Eulen und anderes Getier, das ich noch nie gehört habe. Und nun geht der Zirkus erst richtig los. Mindestens 20 der freilaufenden Zeckenschleudern versammeln sich und bellen sich und das Huhn gegenseitig an, das Huhn krächzthustetbellt zurück. Dabei scheinen sie sich alle um meinen Bungalow zu platzieren als sei ich das Zentrum der Erde. Ich habe es bereits mit Ohropax und MP3-Player versucht (einmal sogar gleichzeitig), mit Kopf-unter-die-Decke und beruhigenden Meditationstechniken (die ich noch nicht beherrsche), nichts hilft, keine Lösung in Sicht, ich möchte das Chicken gern ein bisschen schlagen. Immerhin ergibt sich hier ein Lärmpegel von Autobahn-, wenn nicht Flughafenqualität.
Gut, ich gebe zu, dass meine Gereiztheit auch an meiner Erkältung oder meinem Dauer-Jetlag oder beidem liegen könnte. Seit ich hier bin, nach fast 30 Stunden ohne Schlaf, habe ich einen fiesen Schnupfen, schlafe nachmittags und wache nachts durch oben erwähnte Unwägbarkeiten und Ungerechtigkeiten auf. An Entspannung und Erholung also nicht zu denken. Aber all das stört mich so gar nicht. Immerhin würde ich so viele tolle Momente verpassen, wenn ich pauschaltouristig bis mittags schlafe. So aber streife ich jeden Morgen mit meiner Kamera durch den Nebel am Strand, sehe dabei zu, wie sich die Sonne durch ihn hindurch kämpft, sitze neben einer weißen, wiederkäuenden Kuh und starre mit ihr aufs Meer. Ein dickes kleines Schwein kreuzt meinen Weg, grunzt mich erstaunt an und geht baden. Ich streichele winzige Welpen, die sich maßlos freuen, wenn sie morgens den ersten Menschen am Strand sehen. Ich fühle den kalten Sand zwischen meinen Zehen, während die Welt noch schläft und bin für kurze Momente so fern der Realität wie der Mond der Erde.
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