Freitag, 17. Februar 2012

Indiens Gemüsegarten

Raum- und zeitloses Dasein
Ich soll erst fünf Tage hier sein? Montag bis Freitag sind doch fünf Tage oder? Fühlt sich an, als wolle mir jemand einen Streich spielen, die Zeit verdrehen, mich durch den Kakao, wie auch immer. Erst fünf Tage und ich bin von Deutschland meilenweit entfernt, nicht nur geographisch versteht sich. Die Zeit vergeht hier schlicht und einfach langsamer, alles und jeder bewegt sich wie durch dicke Zuckerwatte, kein Vorwärtskommen. Auf einen Kaffee wartet man schon mal eine halbe Stunde, auch wenn sonst kein Gast da ist. Die Tage ziehen sich ins Unendliche, wollen gar nicht vorüber gehen, bleiben an mir kleben wie die Fliegen im Netz. Es ist herrlich, so raum- und zeitlos vor sich hin zu vegetieren, und dabei kann ich nicht mal sagen, wie ich den Tag verbringe. Verrückte Welt.

Durch diese Muße blieb mir genügend Zeit, Goa, seine Bewohner und Besucher zu analysieren. Mir wurde schnell klar, dass dieser Staat nicht gerade das spirituelle Zentrum (Zitat Christian B.) Indiens ist, aber so abgedrehte Leute müssen irgendetwas mit Esoterik am Hut haben - und wenn es nur so scheint. Ich kann sie ohne Weiteres als moderne Teilzeithippies bezeichnen.

Domestizierte Kartoffel beim Füttern 
Sie sagen Sachen wie „love and always light around you“, sie sitzen mit ihren Laptops, iPads und Smartphones im Café bei Chai Latte oder Minz-Soda und sehen alle aus, als wären sie „total tiefenentspannt“. Aber so recht will man ihnen das nicht abnehmen und ich werde den Verdacht nicht los, dass sie sich alle ihren 2-Wochenbart abrasieren und das Batik-Tshirt ausziehen, bevor sie zuhause wieder durch ihre Bürotür treten. Ich nehme mich davon natürlich nicht aus, schließlich sitze ich hier mit meinen langen blonden Haaren und Blümchenkleidern vor meinem Rechner und schreibe euch, diskutiere über das Leben im Allgemeinen und das Esoterisches im Besonderen, schlendere betont lässig durch die Gassen, wohne in einer Bambushütte und lackiere mir die Fußnägel. Bin quasi eine domestizierte deutsche Kartoffel, die sich in Indiens Gemüsegarten breit macht. Mir soll‘s recht sein.

Joseph und ich beim Morgenspaziergang
Von den ach so alternativen Gesprächen mit Leuten aus aller Welt abgesehen, habe ich zu meinem Glück auch einen ganz besonderen Menschen getroffen: Joseph. Joseph ist ein in Kanada lebender Sizilianer, der das halbe Jahr dort arbeitet, um die restlichen 6 Monate in Goa zu verbringen. Ich saß gerade bei Livemusik vor meinem Ingwertee (gegen die Erkältung) und einer heißen Suppe, da strahlt es blendend hell durch die dunkle Nacht. Joseph betritt mit einem breiten Grinsen die Bar und setzt sich wie selbstverständlich neben mich. Ich irritiert, er amüsiert, liest er mir seinen neuesten Text vor. Joseph schreibt Bücher. Kurzgeschichten über Happiness und Gott, Frauen, Liebe und andere schöne Dinge. Bin schwer beeindruckt und verbringe die Nacht mit ihm am Strand, in Bars und auf der Straße. Nie in meinem Leben habe ich einen glücklicheren Menschen gesehen. Jedes Mal, wenn ich ihn zu unserem morgendlichen Strandspaziergang abhole, grinst er mich an, umarmt mich und ruft „I’m so happy to see you“. Ob ich mich auch irgendwann einmal so freuen kann, wenn ich mich selbst im Spiegel sehe??

Joseph steckt mir kleine Zettelchen zu; ein paar Zeilen, die ihm zu mir einfallen. „Being with you is breathtaking“, „your smile is like the rising sun“ und ähnlich Schmeichelhaftes. Man könnte meinen, wir seien ein frisch verliebtes Pärchen, wenn er 40 Jahre jünger wäre und mehr Haare auf dem Kopf hätte. Joseph, mein bester Freund hier. Ich glaube, ich pack ihn ein und nehm‘ ihn mit nach Deutschland.
Messages...

Alles also ein bisschen Fake hier, die Pseudohippies, die Meditationskurse, die Ray-Ban-Sonnenbrillen, die Nike-Tshirts. Aber wer suchet, der findet. Ich wühle weiter im indischen Gemüsegarten. Zwiebeln und Kohl sollen sich gut mit Kartoffeln vertragen. Aber wer weiß, vielleicht gedeihe ich auch neben Tomaten. 

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