Montag, 27. Februar 2012
Freitag, 17. Februar 2012
Indiens Gemüsegarten
| Raum- und zeitloses Dasein |
Durch diese Muße blieb mir genügend Zeit, Goa, seine Bewohner und Besucher zu analysieren. Mir wurde schnell klar, dass dieser Staat nicht gerade das spirituelle Zentrum (Zitat Christian B.) Indiens ist, aber so abgedrehte Leute müssen irgendetwas mit Esoterik am Hut haben - und wenn es nur so scheint. Ich kann sie ohne Weiteres als moderne Teilzeithippies bezeichnen.
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| Domestizierte Kartoffel beim Füttern |
| Joseph und ich beim Morgenspaziergang |
Joseph steckt mir kleine Zettelchen zu; ein paar Zeilen, die ihm zu mir einfallen. „Being with you is breathtaking“, „your smile is like the rising sun“ und ähnlich Schmeichelhaftes. Man könnte meinen, wir seien ein frisch verliebtes Pärchen, wenn er 40 Jahre jünger wäre und mehr Haare auf dem Kopf hätte. Joseph, mein bester Freund hier. Ich glaube, ich pack ihn ein und nehm‘ ihn mit nach Deutschland.
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| Messages... |
Alles also ein bisschen Fake hier, die Pseudohippies, die Meditationskurse, die Ray-Ban-Sonnenbrillen, die Nike-Tshirts. Aber wer suchet, der findet. Ich wühle weiter im indischen Gemüsegarten. Zwiebeln und Kohl sollen sich gut mit Kartoffeln vertragen. Aber wer weiß, vielleicht gedeihe ich auch neben Tomaten.
Donnerstag, 16. Februar 2012
Comedy-Yoga
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| Das Dach des Übels... |
Meine erste Yogastunde war schmerzhaft erfrischend und auch ein bisschen peinlich. Den Yogalehrer habe ich bereits am Montagabend kennen gelernt, er wohnt in der gleichen Anlage wie ich. Der gute Mann hat mich sofort unter die Lupe genommen - Knieprobleme, Schulterschmerzen, Rücken, psychische Unausgeglichenheit und mit ca. 12 hatte ich Probleme im Bauchbereich. Das alles erzählt er mir, nachdem er ein bisschen auf meinem großen Zeh rumgedrückt hat. Scharlatan, denke ich noch, während er wissend auf meine Hühneraugen blickt, und lächerlich das alles, aber seine Diagnosen geben ihm recht. Also bitteschön, ich solle doch um 9 Uhr früh zu seinem Yogakurs kommen.
Während sich die anderen Kursteilnehmer in einem kollektiven Om auf die Stunde vorbereiten, stellt Mahi mich auf zwei Holzblöcke, wirft mir Schnüre über die Schultern, verknotet sie am Hals und spannt sie fest unter meine auf den Blöcken stehenden Füße. Es muss furchtbar dumm aussehen, wie ich da kerzengerade und gefesselt versuche, das Gleichgewicht zu halten. Traue mich auch nicht nach dem Warum zu fragen und überhaupt, was das alles soll. Nach fünf Minuten schnüren die Bänder mir bereits das Blut in den Armen ab und ich rechne fest damit, die ganze Stunde hier so stehen zu müssen. Aber mit dem letzten Om werde ich von meinen Sockeln geholt und darf endlich so sein wie alle anderen. Vielen Dank für dieses Vorführen, ich schäme mich für mein sich-lustig-machen. Ich war der Star in der Comedyserie.
Von Chicken und anderem Getier
Vier Uhr morgens. Ich sitze unter dem Schein der roten Glühbirne in meinem Bungalow und habe Tötungsphantasien. Als Vegetarierin will ich jegliches Leben ehren, wirklich wahr, aber diesem verfluchten Chicken mit seinem Dauerhusten würde ich gern den Hals umdrehen. Pünktlich um 03.30 Uhr reißt mich sein nervtötendes Gackern aus dem Schlaf. Es ist schon kein Gackern mehr, es ist ein Krächzen. Ein Huhn mit Mukoviszidose im Endstadium.
Wenn nun dieses kranke Tier erst mal anfängt, ist es vorbei mit der Ruhe. Schließlich weckt es damit auch die schlafenden Hunde, im wahrsten Sinne, die Raben in den Bäumen, sämtliche Geckos, Eulen und anderes Getier, das ich noch nie gehört habe. Und nun geht der Zirkus erst richtig los. Mindestens 20 der freilaufenden Zeckenschleudern versammeln sich und bellen sich und das Huhn gegenseitig an, das Huhn krächzthustetbellt zurück. Dabei scheinen sie sich alle um meinen Bungalow zu platzieren als sei ich das Zentrum der Erde. Ich habe es bereits mit Ohropax und MP3-Player versucht (einmal sogar gleichzeitig), mit Kopf-unter-die-Decke und beruhigenden Meditationstechniken (die ich noch nicht beherrsche), nichts hilft, keine Lösung in Sicht, ich möchte das Chicken gern ein bisschen schlagen. Immerhin ergibt sich hier ein Lärmpegel von Autobahn-, wenn nicht Flughafenqualität.
Gut, ich gebe zu, dass meine Gereiztheit auch an meiner Erkältung oder meinem Dauer-Jetlag oder beidem liegen könnte. Seit ich hier bin, nach fast 30 Stunden ohne Schlaf, habe ich einen fiesen Schnupfen, schlafe nachmittags und wache nachts durch oben erwähnte Unwägbarkeiten und Ungerechtigkeiten auf. An Entspannung und Erholung also nicht zu denken. Aber all das stört mich so gar nicht. Immerhin würde ich so viele tolle Momente verpassen, wenn ich pauschaltouristig bis mittags schlafe. So aber streife ich jeden Morgen mit meiner Kamera durch den Nebel am Strand, sehe dabei zu, wie sich die Sonne durch ihn hindurch kämpft, sitze neben einer weißen, wiederkäuenden Kuh und starre mit ihr aufs Meer. Ein dickes kleines Schwein kreuzt meinen Weg, grunzt mich erstaunt an und geht baden. Ich streichele winzige Welpen, die sich maßlos freuen, wenn sie morgens den ersten Menschen am Strand sehen. Ich fühle den kalten Sand zwischen meinen Zehen, während die Welt noch schläft und bin für kurze Momente so fern der Realität wie der Mond der Erde.
Mittwoch, 15. Februar 2012
Indien light
Der Tag beginnt, als wir landen. Der Flughafen wirkt verschlafen und auch die Menschen hier sind viel weniger aggressiv als in Mumbai. Indien light quasi. Bei angenehmen 25 Grad lasse ich lässiglocker (meinen Südostasienerfahrungen sei Dank) alle Taxischlepper links liegen, bestelle mir einen Wagen und… ja wohin eigentlich? Mein Lonely Planet war die ganze Zeit gut in meinem Rucksack verstaut, wodurch ich keine Chance hatte, eine Unterkunft raus zu suchen. Also krame ich in meinem Gedächtnis - wie war das noch: Anjuna, die Touristenhochburg, weiter südlich wird’s langweilig und im Norden liegt Arambol, die perfekte Symbiose aus echter Natur und menschenfreundlicher Infrastruktur. Arambol also, los geht’s. Mein Taxifahrer gibt mir während der Fahrt eine kleine Stadtführung, ich höre nicht zu. Zu schön ist die Landschaft, die in dichten, dicken Nebel getaucht ist, es sieht aus wie Schnee. Die Sonne geht langsam auf und wäre da nicht mein Taxifahrer, der eine 90-Grad-Kurve mit ebenso vielen Sachen nimmt (physikalisch unmöglich? Nein, hier nicht.) , könnte ich es fast genießen. Stattdessen verfolge ich atemlos die indischen Fahrkünste und schicke Stoßgebete Richtung Himmel, man möge mich diese Tortur überleben lassen.
Um Punkt 7 Uhr wird zu allem Überfluss die Straße voll - mit Schulkindern, an denen wir mit Lichtgeschwindigkeit vorbeirauschen und den heiligen Kühen, die so heilig nicht sein können, wenn man sie so rücksichtlos von der Straße drängt. Aber Zeit ist Geld, so auch hier in Indien. Wir fahren gut eine Stunde durch die atemberaubende Natur, mein Fahrer veranstaltet dabei ein unerhörtes Hupkonzert und rast frei nach dem Motto „wer bremst, verliert“, die von Schlaglöchern übersäte Straße entlang. Dieses Fahren scheint normal zu sein und langsam komme ich auch hinter den Code: einmal hupen heißt, achtung, bin hinter dir, mach Platz; zweimal hupen - jetzt überhole ich, lass dir ja nicht einfallen, auszuscheren; dreimal hupen gleicht einem „Du bist einfach zu langsam, Doofkopp“. Und wenn kein Auto auf der Straße ist, auch keine Kuh und kein Kind, wird trotzdem gehupt, der Form halber.
Aussteigen und ankommen
Schon der Weg in dieses verrückte Land war die Reise wert. Die Samstagnacht wurde durchgemacht, um morgens Punkt 4 den Flieger nach Frankfurt zu nehmen. Von dort sind es nur 7 Stunden Flug, aber natürlich erst nach einem quälend langen Aufenthalt von 5 Stunden. Ich sitze also völlig verstrahlt und totmüde im Flugzeug Richtung Mumbai und denke mantraartig: „Obacht bei der Sitzplatzwahl“. Ich habe es wirklich nicht besonders gut getroffen, aber wer kann das ahnen. Links von mir ein junger Inder, der erstaunlich viel Platz zwischen seinen Beinen braucht, sodass ich mich nach rechts verlagere, wo wiederum ein großer Pole sitzt. Dieser ungehobelte Mann hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, mich zu tyrannisieren oder wenigstens betrunken zu machen. Da ich seine Einladung auf „ein Schlückchen Wodka“ ablehne, versucht er es mit anderen, unlauteren Methoden: Dazu legt er seinen Bier/Wodkabauch auf meine Armlehne und feiert irgendetwas Polnisches mit seinen Landsleuten, Marke Klitschko, in der Reihe hinter uns. Lautstark. Mit jeder Flugmeile betrunkener, auch ich. Immerhin pustet er mir seit 4 Stunden seine Fahne ins Gesicht.
Ich, mittlerweile benebelt und den Tränen nahe, nehme hilfesuchend Kontakt zu meinem Inder auf, der zwar immer noch viel Platz braucht, aber wenigstens besser riecht. Er weiht mich schon mal in die Kunst des indischen Essens ein, was in einem Desaster endet, weil ich sein Englisch nicht verstehe und die Körnchen, die für die Munderfrischung gedacht sind, in meinen Joghurt rühre.
In Mumbai angekommen bin ich in einem deliriumartigen Zustand, so durcheinander, trunken und müde, dass ich den nun kommenden Tücken der indischen Kultur kaum gewachsen bin. Dem Passkontrolleur erzähle ich dummerweise etwas von meiner „journalistischen Tätigkeit“, was ihn natürlich skeptisch macht und er mich daraufhin 15 Minuten lang ausquetscht. Nun glaubt er, ich schreibe über Tiere und Orchideen. Meinetwegen. Ich stehe am Gepäckband und bereue meine Kleiderwahl. Lüsterne Blicke ziehen mich aus, mein Rucksack, wo ist mein verdammter Rucksack! Da kommt er, ich reiße ihn vom Band, schubse ein paar Kinder um und renne auf die Toilette, wo ich mich umziehe. Ein bodenlanges Kleid, eine weite Jacke darüber, ein Kopftuch. Soll mir keiner vorwerfen, ich würde die Bräuche nicht achten. Bin dann allerdings die einzige im Flughafen mit Kopftuch.
Im Übrigen hilft es auch nicht; schon der alte Mann im Wechselgeldschalter zwinkert mir verschwörerisch zu und kneift mir in den Finger, als ich die Rupien entgegen nehme. Ich seufze. Noch 4 Stunden in diesem Löwenkäfig, bis mein Flug nach Goa geht.
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